Der Kakerlakes Kern

Ich habe meinem Agenten und meinem Lektor, die ich jeweils selbst bin, eine Kolumne über Kakerlaken vorgeschlagen; genauer gesagt: einen Ländervergleich Argentinien – Kolumbien – Ukraine die Kakerlake betreffend, aber zugleich weit über diese hinausweisend.

Mein Agent und mein Lektor waren von meinem Vorschlag wenig begeistert, es fielen, wenn ich mich richtig erinnere, die Wörter »Schnapsidee« (Agent) und »Vorsicht« (Lektor). Aber große Werke entstehen ja oft genug gegen den Widerstand auch vermeintlich Wohlwollender.

Ich glaube an meinen Stoff, ich vertraue der Kakerlake. Und überhaupt, wie sähe die Weltliteratur ohne die Tiere aus?
Die Dornenvögel.
Moby Dick.
Kafkas Samson.
Richard Parker im »Schiffbruch mit Tiger«.

Kolumbianische Kakerlake aus Santa Fe de Antioquia

Nichts ist verboten, alles ist möglich. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Und warum sollte der Pudel den Kern exklusiv haben?

Außerdem, so absurd sich das anhört, mag ich Kakerlaken. Kakerlaken sind die Konstante meiner längeren Auslandsaufenthalte. Sie liefen in Odesa über die Fensterbänke der besten Restaurants; wenn ich heute an das Schaschlyk denke, an den Borschtsch, die Okroschka oder das Kompott zum Nachtisch, speisen meine ukrainischen Kakerlaken mit mir.

Kakerlaken waren unsere flinken und ausgebufften Mitbewohner in Buenos Aires, und wenn man nachts in die Küche ging, um ein Glas Wasser zu holen, und das Licht einschaltete, flitzten sie unter die Schränke. Eine gefangengenommene Kakerlake wurde in der Familie stundenlang bestaunt – und ihr Fänger bejubelt, als hätte er mit bloßen Händen und einem Schweizer Taschenmesser einen Hammerhai zur Strecke gebracht.

An die Kakerlaken in Montevideo habe ich indes keinerlei Erinnerungen, so wie ich auch vom Land insgesamt kaum noch etwas vor Augen habe. Es tut mir leid, liebe Uruguayer, Größe ist nicht alles, nur manchmal eben doch.

Erst jetzt in Kolumbien habe ich, was die Kakerlake betrifft, zum Denken in größeren Zusammenhängen gefunden.

Kolumbien ist vermutlich das Land auf dem Kontinent, dessen Menschen am höflichsten sind. Jedes vierte Wort gefühlt ist »gracias«, »por favor« oder »con gusto«. Jede Verkäuferin im Land, ganz gleich in welchem Geschäft, ist »a la orden«, also stets zu Diensten. Ich habe diesen Ausdruck in Argentinien kein einziges Mal gehört und wie ich heute sage: auch nicht vermisst. Ich vermisse dagegen sehr die Kumpelhaftigkeit der Kioskverkäufer in meinem Viertel in Buenos Aires, für die ich einfach »amigo«, »capo«, »maestro«, »jefe« oder »papá« war.

Als ich neulich einem Kolumbianer den aktuellen Zustand meines Angekommenseins im Land erklären sollte und nach den richtigen Worten suchte, reichte er mir nach einer Weile den Satz: »Du hast noch Probleme, dich mit uns zu identifizieren.«
»Ja, so könnte man es ausdrücken. Das merke ich mir. Vielen Dank!«
»Con gusto.«

So verhält es sich im Grunde auch mit der kolumbianischen Kakerlake, einem höflichen, fast unterwürfigen Geschöpf Gottes. Es ist mir in diesem Urlaub schon zweimal passiert, dass am Morgen eine Kakerlake tot in unserer Finca lag, zertrampelt und zerquetscht von einem durstigen Deutschen, der inzwischen nicht mehr nur zum Wasserholen nachts aufstehen muss. Man sagt ja, bei einem Atomschlag bliebe nur die Kakerlake übrig. Für Kolumbien kann ich das ausschließen.

Was Auslandsaufenthalte angeht, vertrete ich übrigens einen klaren Standpunkt: Man erwirbt mit dem Betreten des Landes das Recht, von den Einheimischen hin und wieder übers Ohr gehauen zu werden. Nett, höflich und a la orden macht auf Dauer ja auch keinen Spaß.

Gleich in den ersten Wochen nach unserer Ankunft in Bogotá haben zwei Männer in grauer Uniform, ein großer und ein kleiner, an unserer Wohnungstür geklingelt. Der Große führte das Wort, er nannte mich konsequent »Don Christopher«, sprach lange Sätze und zeigte dabei immer wieder auf den Kleinen, der mich finster anblickte, und ich verstand nur, dass es um unser Gas geht, aber auch nicht mehr, weshalb ich meinen Sohn dazu bat. Die Szene wiederholte sich beinahe, der gleiche Text, nur garniert mit noch mehr Freundlichkeit hier und noch mehr Finsternis da.

Sie spielten – ganz eindeutig – guter Gasmann, böser Gasmann.

»Also«, sagte mein Sohn, »sie müssen uns leider das Gas abstellen, weil irgendeine Überprüfung an der scheiß Therme nicht gemacht wurde.«
»Wann?«
»Was wann?«
»Wann wollen sie abstellen?«
»Na ja, jetzt, deshalb sind sie ja da.«
»Oh Gott!«
»Der Typ sagt aber, wenn du seinem Kumpel ein bisschen Geld gibst, dann drückt er für eine Woche oder so ein Auge zu. Und wir haben Zeit, die Therme prüfen zu lassen.«

Ich ging in die Küche, ich wusste nicht, wie viel »ein bisschen Geld« bedeutet, also nahm ich ein bisschen mehr. Und dann noch ein bisschen mehr. Ich verliere nicht so schnell die Nerven, aber wir hatten schon einen Wäschetrockner, der nicht trocknete, ein Abwaschbecken ohne Warmwasser, einen nicht angeschlossenen Geschirrspüler, mehrere tote Steckdosen und – nicht zu vergessen – einen neuen Staubsauger, dessen Schnur gerade einmal zwei Meter lang ist, was das Problem mit der Stromzufuhr noch verschärft. Ich konnte mir nicht erlauben, auch noch den Herd zu verlieren und das warme Wasser in der Dusche. Ich sah augenblicklich die Kinder vor mir, wie sie unten auf der Straße aus der Pfütze trinken, in der ich gerade meine Füße gewaschen habe.

Ich nahm noch einen Schein aus der Schublade und machte mich auf den Weg zum Großen und zum Kleinen.

Mein Sohn fing mich ab und nahm mir das Geld aus der Hand. »Damit fangen wir gar nicht erst an, Don Christopher.«



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