Mein Leben als Bauarbeiter: Der heiße Stuhl mit Loch und die Dauertänze mit der Hässlichsten (Teil 2)

Niemand hat mir bisher überzeugend erklären können, sieht man von banalen historischen Gründen ab, warum ein Land sich seine fernste, versteckteste Stadt zur Hauptstadt wählt. Wir Bogotaer sind nicht schuld an unserer Verschlossenheit, unserer Kälte und Distanziertheit, denn so ist unsere Stadt, keiner darf uns dafür verantwortlich machen, dass wir Fremde misstrauisch empfangen, denn wir sind nicht an sie gewöhnt.

Diese Sätze habe ich vor einem Jahr in Juan Gabriel Vásquez‘ Roman Das Geräusch der Dinge beim Fallen gelesen.

Und diesen Satz hier habe ich vor einer Woche von Francisco gehört: »Heute müssen wir mit der Hässlichsten tanzen.«

Es war kurz vor 13 Uhr und einer dieser brutal heißen Sonnentage, die Bogotá uns ab und an zwischen den grauen und verregneten Alltag auf 2600 Metern Höhe packt. Wir standen vor einem Riesenhaufen Erde, der uns gerade für den Wiederaufbau der Mauer in der Casa Museo Quinta de Bolívar geliefert worden war; neun Tonnen, um genau zu sein. Die folgenden fünf Stunden haben wir damit verbracht, sie in Säcke zu schaufeln. Die Säcke luden wir uns auf den Rücken, wir warfen sie auf die Schubkarre oder zogen sie zu zweit über den Boden, immer ächzend und stöhnend, bis um sechs die Sonne unterging, wie an jedem Tag in dieser Stadt.

Seitdem weiß ich, was die Arschkarte ziehen auf Kolumbianisch heißt, und tanze regelmäßig mit der Hässlichsten. Ich werde sie einfach nicht los, nicht auf dieser Baustelle.

Heute ist alles wackelig, wirklich alles. Das große Sieb, auf das wir die schweren Säcke voller Erde wuchten, hat drei Risse, so dass die Steine reihenweise durchfallen. Die Schubkarre darunter hat eine kaputte Achse und muss von uns gestützt werden, damit sie nicht umfällt. Und dann wackelt – es passt ins Bild – noch Simona heran, die altersschwache und obendrein blinde Hündin der Quinta.

»Francisco, es tut mir leid, aber das alles hier ist gerade so kolumbianisch: ein gebrochenes Sieb, eine gebrochene Schubkarre, eine gebrochene Simona.«

Francisco steht bei den Chefs hoch im Kurs, höher als wir alle. Er ist immer pünktlich, arbeitet hart und begreift die Aufgaben besser der Rest von uns. El maestro, ein älterer Herr, den wir Don Rafael oder Don Rafita nennen, spricht gern mit ihm über den Mauerbau, er bezieht ihn in seine Gedanken ein, dann nickt Francisco, und manchmal entwickeln sie die Gedanken auch gemeinsam.

Hin und wieder denke ich, er schwitzt absichtlich, damit ich mich, wenn mir schon morgens das Shirt am Leib klebt, besser fühle.

»Ach ja, Fran, und wo wir gerade dabei sind: Was ist das eigentlich mit euch Kolumbianern und dem Busfahren?«

Ich erzähle ihm von meinen Beobachtungen im TransMilenio, dem ÖPNV von Bogotá und der angrenzenden Gemeinde Soacha. Es ist so: Ein Sitzplatz, der frei wird, wird zwar in Beschlag, aber nicht sofort eingenommen. Vielmehr wartet man 20 bis 30 Sekunden in einer leicht gekrümmten Haltung, die an Stuhlgang im Stehen erinnert. Der Grund dafür ist, dass der warme Sitz erst abkühlen soll, weil man sich sonst anstecken kann. Es gibt sogar Berichte in seriösen Zeitungen über dieses Phänomen.

»Das mit der Ansteckungsgefahr ist natürlich Quatsch. Vergiss das ganz schnell!«, sagt Francisco.
»Danke! Endlich ein Vernünftiger. Du glaubst gar nicht, wie viele Leute mir hier schon diesen Unfug erzählt haben.«
»Ich weiß. Dabei haben doch unsere Busse mittlerweile richtig gute Plastiksitze.«
»Promiurban Plus!«, sage ich.

»Was meinst du?«
»So heißen die Dinger. Promiurban Plus. Eine mexikanische Firma, glaube ich.«
»Kann sein«, sagt Francisco. »Wichtig ist: Diese Sitze haben ein kleines Loch. Achte mal drauf. So ein Loch hatten die Sitze früher nicht. Die waren nämlich mit Stoff bezogen.«
»Fran, das wusste ich nicht.«
»Man kann sich heute gar nicht mehr anstecken! Es fließt alles ab!«

– Fortsetzung folgt –



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