Cambio de aire. Soso. Ich war ja bei den Tapeten, die man wechselt, aber das Wörterbuch kennt nur die Luftveränderung. Dann soll es so sein, und Tapeten hat ja ohnehin kaum noch ein Mensch.

Das also suche ich, das versuche ich: ein anderes Leben. Ein Leben ohne Politik nach so vielen Jahren in und mit der Politik. Abstand. Abenteuer. Ankommen in Kolumbien.
Cambio de aire heißt am ersten Tag: Schippe in die Hand, schaufeln, schaufeln, schaufeln. Wir mischen erst Sand mit Erde, dann kommt Zement hinzu, dann Wasser. Daraus pressen wir sogenannte Bloques de tierra comprimida, graue, rechteckige Steine. Das Ziel ist, eine eingestürzte Mauer wieder aufzubauen.
Ach was! Wir sind Helden, wir bewahren ein nationales Erbe, denn genau das ist das einstige Anwesen des großen lateinamerikanischen Unabhängigkeitshelden hier in Bogotá, la Casa Museo Quinta de Bolívar.
Un trabajo duro, harte Arbeit, hatte mir die Chefin am Morgen kurz vor acht Uhr beim Kennenlernen angekündigt und auch gleich nach meinen Erfahrungen gefragt. »Nun ja, ich bin Ossi, ich kann praktisch alles. Wir haben eine gewaltige Mauer zu Fall gebracht. Umgekehrt ist für uns natürlich auch kein Problem.«
Aber man muss ja nicht immer sagen, was man denkt, schon gar nicht am ersten Tag.
Vielleicht hätte ich mir vorab ein paar mehr Brocken Baustellenspanisch draufschaffen sollen, das fällt mir leider erst jetzt ein. Andererseits: Eimer, Schippe und Besen sind klar, und alles andere wird schon, das ist wie beim Fußball, alles intuitiv, alles eine Sprache, und vielleicht heißt der Fuchsschwanz, der da herumliegt, ja auch einfach cola del zorro. (Heißt er nicht.)
Das mit der Mischung ist eine delikate Angelegenheit. Sie darf nicht zu trocken und nicht zu nass sein, nur dann lässt sich aus dem Matsch ein guter, fester Stein pressen, und wir brauchen davon sehr viele für die neue Mauer, nämlich mehr als 2000. Mauricio bringt mir den Test bei: Man greift sich eine Handvoll der Mischung und lässt sie dann am ausgestreckten Arm fallen. Ich gucke und mache selbst den Test.
»Vielleicht noch ein bisschen Wasser, Mauricio, was denkst du?«
»Le falta un pelo de rana calva«, sagt er. Bitte was? Da fehlt noch ein Haar vom glatzköpfigen Frosch … ach so, ein kolumbianisches Sprichwort. Alles gut. An die Presse. ¡Vamos!

Übrigens hat Mauricio ein Auge auf meine schwarze Arbeitshose geworfen; die vielen Taschen gefallen ihm. Ich habe die Hose mal im Lidl gekauft, ohne zu wissen, warum und wofür. Anprobieren konnte ich sie natürlich nicht, und so sehe ich darin auch aus.
Die anderen tragen blaue Jeans, ich, der Anfänger, bin also leicht overdressed. Aber sie haben Arbeitsschuhe mit Stahlkappe und keine alten Chucks ohne Profil, und so schlage ich Mauricio ein Tauschgeschäft vor. Und weil er zögert, lege ich noch eine zweite, ganz ähnliche Hose, ebenfalls von Lidl, drauf.
»Welche Größe hast du?«, fragt er.
»43 bis 44.«
»Okay, kein Problem, ich besorg dir welche. Gib mir zwei Tage.«
»Abgemacht.«

Vier Tage später zeigt er mir glücklich die Hose, die seine Frau inzwischen gekürzt hat und die tadellos sitzt, und ich bekomme meine Arbeitsschuhe.
Größe 46.
Mit zwei Paar Einlegesohlen und einem Extra-Paar dicker Socken an den Füßen sitzen sie im Grunde wie angegossen.
– Fortsetzung folgt –

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