Sein Name sei nicht García Márquez

Messi. – So hat damals der deutsche Freund in Buenos Aires seinen argentinischen Kater genannt. Einfach nur Messi. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Wörtchen »damals«. Denn damals – wir reden über die frühen Zehnerjahre – war Messi (der Zweibeiner) noch nicht Argentiniens Volksheiliger, der er heute ist. Leo spielte in Barcelona überragend und enttäuschte meistens, wenn er das weißhimmelblaue Trikot der Nationalmannschaft trug. Er war weder Weltmeister noch zweimaliger Gewinner der Copa América. Er war das uneingelöste Versprechen einer fußballverrückten Nation, ein Immer-noch-nicht-Nachfolger des Goldjungen Diego Maradona.

Ich mochte keine Katzen, aber ich fand den Namen überragend. Ein deutscher Haushalt in Buenos Aires, ein argentinischer Kater namens Messi. ¡Listo! Und mir gefiel die Vorstellung, dass in einem argentinischen Haushalt in Berlin oder sonst irgendwo in Deutschland ein deutscher Hund bellt, der Schweinsteiger heißt, Hummels, Poldi, Klose oder Lahm.

Vor drei Wochen sind wir nach Bogotá umgezogen. Ich kam, das muss ich zugeben, etwas unbedarft im Land an. Ich hatte zwei Romane des zu Recht sehr angesagten Schriftstellers Juan Gabriel Vásquez gelesen, ich hatte ein wenig im Reiseführer geblättert und noch keinen Fußballclub auserkoren, dem ich mich anschließen würde. Und im Grunde kannte ich auch nur zwei wirklich große Kolumbianer.

Der eine ist Gabriel García Márquez, der Ausnahmeschriftsteller. Hundert Jahre Einsamkeit. Die Liebe in Zeiten der Cholera. Sein Gesicht prangt auf dem 50.000-Pesos-Schein, das sind aktuell gut elf Euro. Ein Wahnsinnserzähler. Eine literarische Weltmarke: G. G. M. Ein Stilist.

Unser kolumbianischer Kater ist eher kein Stilist. Er ist jung und ungestüm, und wenn er den langen Flur entlangsprintet, hat er Mühe, auf dem glatten Parkett seinen Bremsweg zu berechnen, was dazu führt, dass er mit Schränken, herumliegenden Rucksäcken oder seinem eigenen Klo Auflaufunfälle produziert. Aber vor allem: Er gehorcht nicht. Er macht, was er will. Er versteckt sich in Schubladen, er springt auf das höchste Regal, das wir haben, er wirft den Laptop vom Schreibtisch, er bringt unsere Weingläser um – und ist Sekunden später wieder in irgendeinem Versteck verschwunden. Dieser Kater ist ein cleverer Rowdy.

Der andere – nun ja: große – Kolumbianer, den ich schon kannte, bevor ich nach Bogotá gekommen bin, heißt Pablo Escobar, Verbrecher und Volksheld in einer Person.

Kurz vor dem Abflug aus Deutschland habe ich mir noch schnell Gabriel García Márquez‘ Tatsachenroman »Nachricht von einer Entführung« zugelegt. Es geht darin um die neun Angehörigen einflussreicher Familien und Journalisten, die Escobar 1990 kidnappen ließ; es war nicht weniger als der Versuch, die kolumbianische Regierung zu erpressen, damit sie gefangen genommene Drogenbosse nicht an die USA ausliefert. Es ist, so formuliert es der Autor selbst, die Geschichte »eines bestialischen Dramas (…), das leider nur ein Moment der alttestamentarischen Feuerbrunst ist, in der sich Kolumbien seit über zwanzig Jahren verzehrt«.

Ja, es war meine Idee, unseren kolumbianischen Kater nach einem Massenmörder zu benennen. Sie können mir die Namenswahl vorwerfen; ich verstehe das und räume ein: Die Vorstellung, welchen Namen umgekehrt ein deutscher Hund in einem kolumbianischen Haushalt in Berlin oder sonst irgendwo in Deutschland trägt, behagt mir ganz und gar nicht.

Andererseits: Es war doch Gabriel García Márquez, der Literaturnobelpreisträger, der einmal gesagt haben soll: In Kolumbien ist die Wirklichkeit fantastischer als die Fiktion.

Ich passe mich bloß an. Sein Name sei Escobar.



Ein Kommentar zu „Sein Name sei nicht García Márquez“

  1. Ich freue mich mehr zu lesen und empfehle die Netflix Serie Narcos. Kurzer Abriss worum es geht: Die Serie zeichnet die Machenschaften der Drogenkartelle in den 1980er und 90er Jahren in Kolumbien nach. Neben dem Aufstieg und Fall des Drogenbarons Pablo Escobar in den 1980er Jahren wird der Kampf des DEA gegen die Drogenbosse Kolumbiens gezeigt.

    Hilft bestimmt um Land und Leute besser zu verstehen. 😉

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